Warschau (1,7 Mio Einwohner) soll der Sage nach vor 700 Jahren von Wars und seiner Schwester
Zawa auf Befehl einer Nixe gegründet worden sein. Das Wappen der Stadt zeigt entsprechend
eine nackte Frau mit Fischschwanz. Als hätte es die Geschichte vorausgeahnt, hält die Sirene
einen Schild in der linken und ein Schwert in der rechten Hand: Warschau war und blieb bis
heute eine streitbare, politische Stadt, zum Widerstand gegen zaristische Willkür genauso
bereit wie gegen nationalsozialistische und kommunistische Unterdrückung. Hier hat die größte
polnische Universität ihren Sitz, hier ist der größte polnische Flughafen, hier gibt es die
meisten Theater. Warschau ist Polens unbestrittenes, wenn auch nicht bei allen beliebtes
Zentrum.
Das Warschau der Vorkriegszeit war eine schöne, gewachsene Stadt und galt als das 'Paris des
Ostens'. Das heutige Warschau ist geprägt von wieder aufgebauten Ruinen, Trabantenstädten aus
kommunistischer Zeit und Glaspalästen aus der Zeit nach der Wende. Eine pulsierende Stadt,
in der Russenmarkt und Hochglanzgeschäfte, besinnliche Ruhe und umtriebene Hektik, Tradition
und Moderne aufeinander prallen: wirtschaftlich und dynamisch, mit einem immer noch ungestillten
Huger nach Aufstieg und Karriere.
Nach dem jüdischen Aufstand im Ghetto 1943 und dem Warschauer Aufstand im August 1944 lagen
über 80% der Bausubstanz in Trümmern. Straßenzug um Straßenzug war systematisch von den Nazis
zerstört worden, weit über 700.000 Warschauer verloren in diesen Jahren ihr Leben. Fast alles,
was der Besucher heute sieht, lag bei Kriegsende in Schutt und Asche. Erst wer sich dieses
vor Augen führt, kann die Leistung der Warschauer Bürger würdigen und die Liebe erahnen, mit
der polnische Restauratoren ganze Stadtteile wieder auferstehen ließen.
Das höchste und auffälligste Gebäude ist der zwischen 1952 und 1955 gebaute Kulturpalast.
Obwohl dieser 232m hoch in die Luft ragende Prunkbau aus Stein und Marmor im Stalin-Stil
unverkennbar an die demütigende sowjetische Dominanz bis 1989 erinnert, ist der Kulturpalast
mit Messen, wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen inzwischen voll in das
pulsierende Leben im Stadtzentrum integriert.
aus: Marco Polo Reiseführer Polen (2001)
